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KI-Boom: Warum jetzt auch Leiterplatten zur Mangelware werden

KI-Boom: Jetzt werden auch noch Platinen knapp

Lange waren Speicherchips und GPUs die begehrtesten Güter der Tech-Welt. Doch während die Öffentlichkeit noch über Grafikkartenpreise und Chipfabriken diskutiert, hat sich der Engpass unbemerkt eine Ebene tiefer verschoben – dorthin, wo das Rückgrat jedes elektronischen Geräts entsteht: die Leiterplatte.

Was zunächst wie ein Randthema der Elektronikindustrie klingt, entwickelt sich derzeit zu einer der folgenreichsten Lieferkettenstörungen der letzten Jahre.

Wenn KI-Fabriken ganze Produktionslinien aufkaufen

Die Ursache ist so einfach wie folgenreich: KI-Rechenzentren benötigen Platinen in einem Umfang und einer Qualität, die es in dieser Form bisher noch nicht gab. Hochleistungs-Leiterplatten für KI-Server müssen heute mit 20 bis 30 oder mehr Schichten gefertigt werden und sind damit deutlich komplexer als die Standardplatinen in Laptops oder Haushaltsgeräten.

Diese High-End-Produkte erzielen nicht nur ein Vielfaches des Preises herkömmlicher Platinen, sie beanspruchen auch einen Großteil der verfügbaren Fertigungskapazitäten. Hersteller auf der ganzen Welt – allen voran in China und Taiwan, wo der Großteil der weltweiten Produktion stattfindet – haben ihre Produktionslinien entsprechend umgestellt.

KI-Konzerne kaufen mitunter die Produktion ganzer Fabriken auf oder sichern sich Kapazitäten über Jahre im Voraus. Für Hersteller klassischer Consumer-Elektronik bleibt da immer weniger übrig.

Die Folgen: Höhere Preise, längere Wartezeiten

Die Auswirkungen sind bereits messbar und für viele Unternehmen schmerzhaft. So haben sich die Preise für hochwertige Leiterplatten innerhalb kurzer Zeit vervielfacht. In einigen Segmenten ist von einer Vervierfachung die Rede, bei bestimmten Spezialprodukten sogar von noch drastischeren Anstiegen.

Noch gravierender als die Kosten sind jedoch die Lieferzeiten. Während die Beschaffung von Standardplatinen früher in Wochen bemessen wurde, berichten Hersteller inzwischen von Vorlaufzeiten, die bis ins Jahr 2028 reichen. Ein PCB-Manager brachte die Lage gegenüber der Presse auf den Punkt: Selbst wenn ein neuer Kunde heute eine Bestellung aufgeben würde, läge der früheste Liefertermin Ende 2028.

Nicht nur PCs: Der Engpass strahlt in alle Branchen aus

Zunächst traf es die PC-Hersteller. Obwohl die Stückzahlen im PC-Markt ohnehin rückläufig sind, wird es für Unternehmen wie HP oder Dell immer schwieriger, genügend Platinen für ihre Produktplanung in den kommenden Jahren zu sichern.

Doch der Mangel bleibt nicht auf Consumer-PCs beschränkt. In der Automobilindustrie stecken heute in einem einzigen Elektroauto rund 150 Leiterplatten. Fehlen diese, kann im schlimmsten Fall die gesamte Fahrzeugproduktion zum Stillstand kommen.

Auch Smartphones, Haushaltsgeräte und industrielle Steuerungssysteme sind betroffen. Selbst wenn ein Hersteller bereit wäre, die gestiegenen Preise zu zahlen, sind die Platinen schlicht nicht in ausreichender Menge verfügbar.

Mehrere Faktoren verschärfen die Knappheit

Die Situation ist für viele Hersteller dramatisch, ihre Ursachen sind vielschichtig. Neben der Verdrängung durch die KI-Nachfrage bereitet auch der Mangel an Vorprodukten den PCB-Fertigern Probleme. Glasfasergewebe, Kupferfolie und spezielle Harze – die Grundstoffe, aus denen Leiterplatten überhaupt erst entstehen – sind ebenfalls knapp und deutlich teurer geworden.

Das für viele Platinen unverzichtbare Basismaterial FR-4, ein Laminat aus Glasfasergewebe und Epoxidharz, ist innerhalb weniger Monate zur Mangelware geworden, und die Lieferfristen haben sich mehr als verdoppelt.

Hinzu kommt ein Problem, das sich nicht so schnell lösen lässt: Die Maschinen, mit denen Leiterplatten gefertigt werden, sind selbst zum Engpass geworden. Die Wartezeiten für Bohrmaschinen und andere Spezialausrüstung haben sich teilweise auf bis zu 30 Monate verlängert.

Selbst wer heute eine neue Fabrik bauen wollte, müsste Jahre auf die nötige Ausstattung warten. Und schließlich spielt auch die geopolitische Lage eine Rolle: Handelskonflikte und regionale Krisen haben die ohnehin fragile Versorgung mit den nötigen Rohstoffen weiter unter Druck gesetzt.

Wie lange hält die Knappheit an?

Die Aussichten sind wenig ermutigend. Branchenvertreter rechnen damit, dass sich die Lage so schnell nicht entspannen wird. Zwar kündigen viele Hersteller Kapazitätserweiterungen an, doch der Aufbau neuer Fertigungslinien dauert Jahre, während der Bedarf der KI-Industrie weiterhin rasant wächst.

Prognosen zufolge sollen die weltweiten Auslieferungen von KI-Servern allein im Jahr 2026 um mehr als 50 Prozent steigen, wodurch sich die Nachfrage nach High-End-Platinen weiter erhöhen dürfte. Ein Ende der Knappheit ist frühestens für 2027 oder 2028 in Sicht – und selbst dann bleibt abzuwarten, ob das Angebot mit dem Tempo der KI-Expansion Schritt halten kann.

Die unsichtbare Ressource, die plötzlich zum Nadelöhr wird

Für Endverbraucher werden die Folgen indirekt spürbar sein: Sie müssen mit höheren Preisen für Elektronikgeräte, verzögerten Produktneuheiten und einer möglicherweise geringeren Auswahl rechnen. Unternehmen außerhalb der KI-Branche – von der Automobilzulieferindustrie bis zum Mittelstand der Elektronikfertigung – sind hingegen existenziellen Risiken ausgesetzt: Fehlende Platinen können Produktionslinien stilllegen. Die Abhängigkeit von einer Handvoll globaler Lieferanten, die ihre Kapazitäten nun gewinnbringend an die KI-Industrie vergeben, erweist sich somit als strategisches Risiko.

Der Platinenmangel macht deutlich, wie tiefgreifend die durch künstliche Intelligenz ausgelösten Veränderungen sind. Was als Software-Revolution begann, hat längst die physische Welt erreicht und macht selbst jene Bauteile zur Mangelware, die lange Zeit als unspektakuläre Massenware galten.